Vortrag als Versuch einer Annäherung an politische Haltungen, Geschehnisse und Schicksale
Eine „Zeitreise“ durch eine dramatische Epoche dörflichen Lebens unternahmen am Volkstrauertag historisch interessierte Bürgerinnen und Bürger im Dorfgemeinschaftshaus: „Langenholdinghausen in der Zeit des Nationalsozialismus 1933 bis 1945 - politische Haltungen, Geschehnisse, Schicksale“ – so der Titel eines ebenso informativen wie bewegenden Vortrages, zu dem der Arbeitskreis Dorferneuerung und Dorfgeschichte in Zusammenarbeit mit dem Verein Dorfgemeinschaftshaus Hollekusse e. V. eingeladen hatte.
Vom Wählerverhalten der Ortsansässigen am Ende der Weimarer Republik bis hin zum Zusammenbruch des Nationalsozialistischen Systems 1945 schlug Ortschronist Ernst-Otto Ohrndorf den Bogen. Lokale Entscheidungen und Begebenheiten ordnete er dabei in den gesamtpolitischen Kontext jener Zeit ein. Anschaulich wurde belegt, wie es einer relativ kleinen Zahl aktiver Nationalsozialisten möglich war, mit Rückendeckung des übergeordneten Partei- und Regierungsapparates die bis dahin maßgeblichen Honoratioren des Ortes aus der Verantwortung zu drängen und wie es gelang, die Begeisterungsfähigkeit der Jugend für politische Zwecke auszunutzen. Erzählungen von Zeitzeugen, aber auch Bildmaterial aus jenen Jahren ließen die Vorgänge im Dorf vor den Augen der Zuhörerschaft lebendig werden. Gleichwohl – so der Referent – könnten seine Ausführungen allenfalls der „Versuch einer Annäherung“ an die tatsächlichen Geschehnisse und Stimmungen sein. Als konkretes Beispiel für die Zugriffsmöglichkeiten des Regimes auf alle staatlichen Dienststellen, die Aufhebung jeglicher Gewaltenteilung und Rechtsstaatlichkeit wurde u. a. der Fall des Gemeinderates und Haubergsvorstehers Friedrich Kolb vorgestellt. Weil dieser mit einem jüdischen Viehhändler in geschäftlicher Verbindung stand, war er auf Veranlassung der NSDAP-Kreisleitung zum Rücktritt gezwungen worden, wurde aber bei der danach notwendigen Neuwahl des Haubergsvorstehers erneut in dieses Amt gewählt. Ein Foto mit Angehörigen des „Jungvolks“, zugehörig zum „Fähnlein Langenholdinghausen“, verdeutlichte, wohin die Politik der NSDAP letztendlich führte: Von den 19 zehn- bis vierzehnjährigen Jungen, die 1934 aufgeweckt und erwartungsvoll zur Kamera schauten, kamen acht im dem nur wenige Jahre danach beginnenden Krieg um ihr Leben. Als weiteres konkretes Beispiel für die Grausamkeit des Krieges, für sinnloses Sterben und die Atmosphäre der Angst in jener Zeit dokumentierte der Ortschronist das Schicksal eines vermeintlich Fahnenflüchtigen, der im Dorf von einer SS-Streife aufgegriffen, von einem Standgericht verurteilt und hingerichtet wurde. Nur 12 Tage darauf endete für Langenholdinghausen durch den Einmarsch der Amerikaner der Krieg. Auch wenn seit der NS-Zeit mehr als 70 Jahre vergangen sind: Das Thema „Nationalsozialismus vor Ort“ ist aufgrund der räumlichen Nähe und persönlicher Betroffenheit der Menschen nach wie vor als „hochsensibel“ zu betrachten. Der Vortrag und die sich anschließenden Wortbeiträge der Zuhörer zeigten jedoch, dass es möglich ist, Geschehnisse und Akteure aus dieser Zeit differenziert darzustellen, sie gemeinsam zu betrachten und auch zu bewerten.













